E.I.S.
improvisation

Claudia Heinze

Hamburg

Geige

Wie ich zur Improvisation gekommen bin:

Irgendwann wollte ich die Geige einfach auspacken, loslegen und spielen. Ich wollte so wie mit meiner Nähmaschine, meiner Bohrmaschine einfach losmachen. Ich spielte im Hochschulorchester und nie war die Geige fertig gestimmt, vielleicht war das Colophonium zu dezent, die sechzehntel zu langsam, die Pause zu kurz. Dann spielte ich in einer Politfolkband und mußte mir jeden Ton aufschreiben... ich wollte aber einfach loslegen können...

1984 wurde das erste improvisierende Streichorchester gegründet und ich war dabei. Nun wurde nicht mehr Geige gearbeitet, nun wurde endlich Geige gespielt: das freie Spiel

 

Was das E.I.S. in mein Leben gebracht hat:

Schluss mit den Klassikern – jedenfalls auf der Geige. Wann immer ich  öffentlich ein klassisches komponiertes Stück spielen wollte, kamen die alten Ängste, der Druck des „Ein bißchen zu hoch“, „Ein bißchen zu tief“, „Ein bißchen zu kurz“, „Ein bißchen nicht auf der drei“ usw. zurück. Ich habe mich der Auseinandersetzung mit der klassischen Musik auf der Geige nicht gestellt.

Nach der Gründung des EIS spielte ich mich frei. Konnte einfache Melodien schnell auswendig, konnte Klänge, Motive, die mir durch den Kopf gingen, spielen ohne nachzudenken, konnte mich ausdrücken und mit anderen kommunizieren.

Ich lernte über Skalen zu improvisieren, Pentatonik, Obertöne herauskitzeln, Peter Bayreuther schenkte mir die beiden Ganztonleitern und die einfache Art sie zu greifen.

Allerdings habe ich nach 25 Jahren immer noch das Gefühl, alle diese Techniken gar nicht richtig zu beherrschen.

Ich lernte das Ensemble „als Assoziation des freien Individuums“ kennen und in der freien Improvisation nur zu spielen, wenn ich musikalisch etwas zu sagen hatte.

Allerdings waren manche Individuen stets etwas gleicher als ich und erzählten, schneller, höher, besser, sodass mir meine Beiträge oft genug läppisch vorkamen, wenn ich dann endlich eine Lücke gefunden hatte.

Ich lernte die Musik mit der Bewegung zu verknüpfen, zu rennen, zu liegen, zu springen, starr zu stehen und war damit glücklich. Ich liebte mein Instrument, dass mit mir sprang, rannte, hockte und zu mir gehörte, wie ein bunter Schal.

Allerdings fühlte ich mich unbehaglich, wenn die Bewegung eine Ausweichgeste wurde und keinen Sinn in der Gesamtchoreographie und dem musikalischen Bild machte.

Ich lernte in ungewöhnlichen Räumen zu spielen. In Sandwüsten, Tunneln, unter Büschen, in Springbrunnen, Baustellen undsoweiter. Ich liebte und liebe die Neudefinition einer Landschaft, eines Raumes, Ortes, Platzes durch unsere Instrumente und unseren Streichersound.

Kein Allerdings. Musikalische LandArt ist mein Lieblingslied.

Ich lernte viele Menschen kennen, schloss Freundschaften fürs Leben. Es gab Streit, Versöhnung, Enttäuschungen, Verletzungen und viel Vertrauen. Das gemeinsame Musizieren hat oft genug die Wogen geglättet, und nach dem Beifall lagen wir uns in den Armen, alles vergessend bis zum nächsten  Mal.

Allerdings kommen wir zusammen, sind ernsthaft und intensiv bei der Sache, gehen auseinander und haben bis zur nächsten persönlichen Begegnung nichts miteinander zu tun. Es fühlt sich an wie Unverbindlichkeit, die der 25jährigen Existenz konträr entgegensteht.

Vor drei Jahren habe ich in meiner Kirchengemeinde ein Projektorchester für Kinder und Jugendliche gegründet. In diese Arbeit fließen meine Erfahrungen und einige Lieder des EIS ein. Die Kinder improvisieren mehr oder weniger munter drauflos und einige Zuhörer in den Gottesdiensten zeigen sich  begeistert – vor allem von den freien Impros nach Konzept.

 

Hamburg im Mai 2009

Claudia Heinze



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Erstes Improvisierendes Streichorchester