E.I.S.
improvisation

Susanne Schulz

Berlin

Geige

Wie kam ich zum Improvisieren?

 Aufgewachsen bin ich mit viel lustvoll gespielter häuslicher Kammermusik, die mich begeisterte. Zu der Klassik mit ihrer Intensität und Intimität gesellte sich in meiner Jugend groovige Latin Music wie die von Carlos Santana und Funk, wonach ich gern tanzte. Ebenso Blues von Eric Clapton und J.B. Lenoir, der mich emotional tief berührte, und Jazz, der mich besonders harmonisch und rhythmisch immer sehr bewegte und interessierte. In all dieser Musik spielt Improvisation eine große Rolle – und so begann ich, mich damit intensiv zu befassen, begann Melodien in Gipsy Music und Jazz auswendig zu lernen, sie zu verinnerlichen und langsam zu umspielen. Eine spannende Reise war das – so etwas wie der Sprung vom 3-Meter-Brett, das Verlassen des festen Bodens unter den Füßen, die völlige Ungewißheit, wo ich lande, der langsame Gewinn der Erkenntnis, daß Fliegen wunderschön ist, und das Vertrauen, irgendwo nicht nur lebend sondern auch beglückt anzukommen. Zunehmend begann ich, die vorsichtige Variation in diversen Sessions und Bands zugunsten immer wilderer Bewegtheit zu verlassen, dadurch konnte im Blues, Rock, Jazz und Salsa eine enorme Dynamik entstehen, die sich manchmal als große Wellen der ganzen Formation - von Rhythmussektion bis Solisten - darstellen konnten. Ein Genuß, diese Band-Erlebnisse!

Keyboard und Klavier halfen mir, mich mit harmonischen Strukturen und rhythmischen Patterns auseinanderzusetzen, später dann natürlich der Computer, der mir auch heute beim Arrangieren, Komponieren und Aufnehmen treu zur Seite steht.

Vorbilder an der Geige waren - außer meinen Klassik Favouriten Yehudi Menuhin und David Oistrach - in der Gipsy Music z.B. Titi Winterstein und Schnuckenack Reinhardt, im Blues und Swing Sugarcane Harris, Joe Venuti und Svend Asmussen, im moderneren Jazz und Fusion Jean Luc Ponty und Didier Lockwood. Andere Vorbilder waren an ihren Instrumenten – für die Geige durchaus auch sehr anregend – Jazzgrößen wie Charlie Parker, John Coltrane, Miles Davis, die Brecker Brothers u.v.a.. Etliche Pianisten und Jazz- und Latin-Komponisten faszinier(t)en mich: Oscar Petersen, Herbie Hancock, Gonzalo Rubalcaba, Michel Petrucciani und etliche andere, und täglich immer wieder mein Lebens- und Musik-Partner Jho Kaufmann, den ich auch als einen meiner Lehrer bezeichnen möchte.

 

Was bedeutet(e) für mich das E.I.S.?

 In dieses Lebensgefühl des Glücks, in diesem Moment diese einmalige Musik an diesem Ort mit diesen besonderen Menschen zu durchleben, paßte dann die Begegnung mit dem E.I.S.: in seinem ersten Lebensjahr sah ich es auf einer Hamburger Bühne – und sofort war ich ins E.I.S. verliebt. Der völlig freie Umgang mit dem Streichinstrument, der Mut und die Frechheit, sich mit dem Rücken dem Publikum zu präsentieren, die Cellisten stehend und laufend, die Bässe bewegt, Geigen und Bratschen wie Hummeln mal liegend, mal fliegend dazwischen – die ungeheure Lebhaftigkeit, der Humor und Witz überzeugte mich spontan. Ich durfte einsteigen und bin bis heute mit Begeisterung dabei.

Immer war das E.I.S. ein Forum zur freien und neuen Auseinandersetzung mit dem Instrument, für die Suche nach neuen Klängen. Dieses hat mich – wie viele von uns – zum Komponieren angeregt. Reizvoll dabei ist natürlich der Orchestersound von vielen Streichern. Mich interessierte besonders aber auch, mit der großen Formation als „Band“ Grooves zu entwickeln mit Elementen aus Jazz, Rock und Latin Music, dieses in Kombination mit Harmonik, Melodieführung und Improvisationen innerhalb der jeweiligen Stilistik.

Ein immer wieder aufregendes Experiment im E.I.S. war und ist es, in der freien Improvisation zu einem wie auch immer strukturierten gemeinsamen Klangkörper zu wachsen – eine ständig neue Herausforderung, die das Ensemble zu zeitweiliger Hochform ansteigen ließ.

Es gab auch Phasen, wo ich mich in diesem Teil unserer Musik, der freien Improvisation in einer bis zu 30-köpfigen Formation, nicht wohl fühlte. Zu sehr schien mir Zufälligkeit und letztendlich fehlendes Zusammen-Spiel und nur gleichzeitiges Solieren von Individuen Raum einzunehmen. Mit der Arbeit an unserer CD allerdings erfüllte sich mein Traum: in der gemeinsamen freien Improvisation der großen Gruppe gelang es uns zunehmend, im „heiligen“ Moment ein Stück zu kreieren – quasi zusammen zu komponieren. Ein großer Schritt voran war das. Seither habe ich das Bedürfnis, dieses Pflänzchen als Ensemble immer wieder zu pflegen – die Aufmerksamkeit für den Moment, für die Musik der anderen und die aus dem eigenen Inneren zu EINEM werden zu lassen. Je mehr wir diese Schwingungen als EIS miteinander erleben, desto mehr fühle ich mich als EISlerin wohl.

 

Susanne Schulz, Berlin 2009



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Erstes Improvisierendes Streichorchester