E.I.S.
improvisation

Willem Schulz

Melle (Westf.)


Foto: Bernd Wendt   

Cello

Wie bin ich zum Improvisieren gekommen?

 Improvisation ist für mich ein identischer Begriff zum Begriff Leben. Das ging sicherlich schon bei meinen Ahnen los und hat sich in der Embryo-Phase fortgesetzt. Wenn ich an frühe Stadien denke, dann fällt mir auch meine jüngste Enkeltochter Pepe ein, die von ihrem Vater ein Gestell gebaut bekam. Daran hing ein kleines Keyboard. Als sie ein paar Monate war, lag sie direkt darunter und patschte mit ihren kleine Händchen auf die Tasten. Was nun zu hören war, das war zweifellos neue Musik! Man sah ganz offensichtlich, daß sie Musik machte. Sie hörte, daß da etwas kam und erzeugte interaktiv Töne und Rhythmen, ganz bewußt. Sie ging damit um, es gab ihr was und es hat ihr Spaß gemacht. Dies war für mich ein eindeutiges Bild, daß Improvisation von Anfang an und schon immer da ist. Und daß – so betrachtet - das Leben eine einzige Improvisation ist!  Denn was komponieren wir denn schon in unserem Leben? Das sind doch die wenigsten Momente, die so richtig vorgeplant und festgezurrt werden und anschließend auch so ablaufen. Das wäre ja eine Komposition im Grunde. Alles andere passiert im interaktiven Prozeß.

In meiner musikalischen Entwicklung war das Klavier zunächst das Instrument, in das ich meine Emotionen hineinspielen konnte, die sich aufgestaut hatten. Ich konnte mich hinsetzen und auf diese Weise meine Einsamkeit, meine Traurigkeit, meine Melancholie umsetzen. Dann ging es mir wieder besser. Musik also als ein Instrument, mich in dem Prozeß des Lebens zu begleiten, zu heilen, mir etwas zu geben.

Im familiären Rahmen haben wir viel klassische Musik praktiziert. Bei der Hausmusik hieß es oft "Laßt uns jetzt doch mal  zusammenspielen....". Ich tat das auch ganz gerne, aber nicht lange, weil ich nach einem Stück bereits merkte, daß ich müde wurde und genug hatte. Ich wollte eigentlich nicht mehr noch mehr. Bei uns gabs nun allerdings die Einstellung:  Musizieren ist auf jeden Fall immer die höchste aller Tätigkeiten! So hieß es "Warum willst du jetzt nicht mitspielen..." während ich eigentlich viel mehr Lust hatte, zuzuhören oder auch das Musizieren zu beenden. Jedenfalls schien das Fremdbestimmte immer nur eine Zeit bei mir zu funktionieren, dann war die Luft raus. Ich bekam ganz stark das Bedürfnis, etwas Eigenes zu machen. Das kam schon ganz deutlich bei mir als Kind auf: Ich mochte nicht immer nur Mozart, Bach und Beethoven nachspielen oder umsetzen, sondern ich wollte meine eigene Musik finden, das spielen, was ich selber bin im jeweiligen Moment, das, was mir einfällt, hörbar machen.

Ich war damals öfters auf Musikfreizeiten in anderen Städten. Dort lernte ich einen Jungen kennen, der in Darmstadt Kompositionsunterricht bei Johann Nepomuk David bekam. Es faszinierte mich irgendwie, selber komponieren zu lernen. Ich befreundete mich mit diesem Schüler und bekam von ihm wiederum Kompositionsunterricht. Mit den Techniken des Kontrapunktes und der klassischen alten Harmonielehre habe ich mich daraufhin geradezu abgemüht. Wir hatten die Vereinbarung, daß er mir Aufgaben zuschickte und ich ihm wiederum meine Versuche dazu. Ich merkte bald, daß ich mich sehr anstrengen mußte, um diese Aufgaben zu erfüllen. Das war für mich noch anstrengender, als das was ich vorher schon nicht mehr machen wollte: so viel Musik von anderen Leuten zu spielen. Es war für mich in gewisser Weise eine Sackgasse, das merkte ich. Und er sah auch, dass ich nicht gerade sein Meisterschüler wurde. Es entwickelte sich einfach nicht so weiter, daß ich auf diesem Gebiet Feuer gefangen hätte. 

In meinem pubertären Prozeß bekam ich das Bedürfnis, mich mehr von meiner Familie zu distanzieren. Ich zog in den Keller, in ein Separée sozusagen. Hier ging für mich eine eigene Welt auf. Aus meinem kleinen Kinderzimmer im Familienrahmen mußte ich raus. Hier unten in dem Kellerraum spürte ich den eigenen Raum, erlebte ich überhaupt einen Raum, den ich ganz selbständig gestalten konnte. Ich stellte z.B. alte Klavierteile hinein, reine Rahmen mit Saitenbespannung, über die ich mit der Hand strich - und ein Klavier hörte sich sofort ganz anders an. Ich zog Seile quer durch den Raum, hing Objekte daran, die sich kinetisch bewegten und auch Klänge von sich gaben, klebte ein Brötchen an eine Schranktür, das da heute noch hängt, malte und collagierte die verrücktesten Dinge, um mich anschließend fast meditativ auf sie einzulassen. Die Optik, der Raum, die Bewegung, die kunstübergreifenden Beziehungen, die Suche nach neuer Sinnhaftigkeit wie andererseits auch der Unsinn - all das ergriff mich in einer Zeit, in der Fluxus und Happening die Kunst und Kultur in der Hochkultur auf den Kopf stellte. 1966 war ich auf der Dokumenta in Kassel, wo ich von einer Arbeit des Schweizer Künstlers Daniel Spörri völlig überwältigt wurde: ein abgessener Frühstückstisch, wie nach einer Orgie stehengelassen mit leerer Coladose, ausgedrückten Kippen u.ä. - so, wie er hinterlassen wurde ins Museum gestellt - als Kunstwerk. Das hat mich unglaublich erschüttert und geöffnet: Was, das ist Kunst? Dann ist ja alles Kunst!

Das war der große Schritt, der sich zugleich auch in der Musik vollzog mit Künstlern wie John Cage, der den Zufall als großes Gestaltungsprinzip in das starre abendländische Produktdenken hineinkatapultierte. Auch die Happeningaktionen, diese offenen Gesamtkunstwerke, so von Beuys, Nam Yun Paik oder der Cellistin Charlotte Moormann, die halbnackt in Plastik gehüllt in einer Badewanne das Cello bearbeitete - unglaubliche Sprünge in neue Welten für mich und mein Musikverständnis -  wunderbar! Es entsprach meinem damaligen Lebensgefühl zutiefst und animierte mich,  auszubrechen aus dem mich umgebenden klassischen Verständnis von Kunst und Musik und hineinzugehen in die Idee: Alles ist Kunst, wenn es als solches betrachtet wird. Oder: Geh mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, alles ist eigentlich schon da!

Wichtig auch die Ganzheitlichkeit der Kunstwahrnehmung. Z.B. daß jedes Konzert, auch wenn die Philharmoniker in Reih und Glied auf der Bühne sitzen, tatsächlich eine Performance darstellt. Und weil es eine Performance ist, kann ich sie auch bewußt gestalten und verändern. Ein riesiges Gestaltungsgebiet brach vor meinen Augen auf, in das ich Lust hatte, mit eigenen Ideen hineinzugehen.

Mein Abitur im Fach Musik verlief dann auch folgerichtig: erst spielte ich eine Bach-Suite und danach eine freie Improvisation mit meinem Musiklehrer am Klavier - ein für damalige Verhältnisse unvorstellbares Programm in einem kleinstädtischen Gymnasium. Nachher lud ich dann meine gesamte Klasse, mit der ich im übrigen über all die Jahre gar nicht klar kam, in unseren Garten und in mein Keller-Reich zu einem Happening ein. Auf eine riesige Leinwand im Garten konnte jeder kleben, schreiben, matschen, malen oder vielfarbige Puddinge verewigen. Dieses Bild hing später noch jahrelang in meinem Undergroundzimmer - ein starkes Symbol für meinen letztendlichen Durchbruch der Klassenherrschaft, zu der ich nie gehört hatte.

In meinem anschließenden Musikstudium in Detmold litt ich wiederum sehr unter der allgemeinen schwarz-konservativen Gesamthaltung. Gottseidank fand ich zwei Menschen, mit denen ich etwas anders machen konnte: Gerhard Stäbler, heute ein bekannter Komponist und der schweizer Musiker  Max Keller. Unser Trio NED wagte Radikales: in der traditionellen Detmolder Hochschule - neue Musik so gut wie nicht vertreten - veranstalteten wir einen Abend, in dem wir zunächst einmal die Zuhörer aufforderten, ihre Ohren in verschiedenen Nuancen zuzudrücken, um hierdurch die eigene Umweltwahrnehmung selbst zu gestalten. Diese Aktion sollte zeigen, daß man selbst verantwortlich ist für das, was man erlebt und dies nicht auf den Künstler abschiebt. Dieser bietet dir nur etwas an, du selber bist aber der Akteur deines Hörabenteuers! Das Konzert begann dann damit, daß wir um 20 Uhr die Tagesschau laufen ließen. Kaum war diese beendet, wurde ein Stück von Chiari an der Orgel gespielt: 186 x derselbe Akkord, hart hintereinander gesetzt. Plötzlich dann ein wildes Chaos von 3 Seiten des Raumes mit Orgel, Saxofon, Elektromelodika und mein elektrisches Cello, verkoppelt mit einem Pioniermodell eines Synthesizers, den ich mir in Berlin hatte zusammenschrauben lassen. Später brieten wir dann u.a. noch Bratkartoffeln auf der Bühne, ab und zu den Deckel abhebend um den Dampf und das Aroma in den Raum schwappen zu lassen. Ein extremes Programm, das wir auch noch – unter heftigen Publikumsreaktionen - in einer Freiburger Klosterkirche und im Theater St. Gallen realisierten.

In den Folgejahren bekam ich Kontakt mit Anke und Gerd Lisken sowie mit Lilli Friedemann, der Pionierin auf dem Gebiet der musikalischen Gruppenimprovisation. In diesem Metier haben wir gemeinsam viele Aspekte entwickelt, musikalische, performative, psychische und soziale. Auch meine Abschlußarbeit habe ich über die Gruppenimprovisation geschrieben und ihr eine große Zukunft prophezeit. In zahllosen Sessions, Workshops und Ensembles arbeiteten wir an den Prozessen, Erkenntnissen und künstlerischen Qualitäten der Improvisation. Ein sehr sehr weiter Begriff von Musikmachen. Musik, Prozeß, Lebenszusammenhang, Raum, Bewegung und Performance haben sich damals bei mir schon deutlich angelegt, sind mir quasi einbebrannt worden und sind immer meine Themen geblieben. Hiermit kann ich mein Leben lang Projekte gestalten.

Willem Schulz, Wilde Rose, Ostern 2009



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