E.I.S.
improvisation

Erlebnisbericht eines Konzertteilnehmers

Impro-Konzert Freie Rudolf-Steiner-Schule Ottersberg, 5.Januar 2017

Erstes improvisierendes Streichorchester (E.I.S.)

Alles an diesem Abend war aber auch ungewöhnlich, überraschend und anders als wir bei Konzerten gewohnt sind und uns vielleicht geordnete Sicherheit gibt. Zuerst wartete das Publikum ohne Einlass und Eintrittskarten draußen vor dem Konzert-Saal im Foyer. Plötzlich begann als Auftakt das Konzert mit einem wilden, exzentrischen Cello-Solo vor der Türe. Nicht jeder begriff das. Ich sagte mir: „Na, das kann ja heiter werden, gefällt mir überhaupt nicht.“

Beim Einlass betrat ich mit meiner Frau den im gedämpften Licht geöffneten Saal, dessen Stuhlanordnung kreisförmig locker, ganz unterschiedlich gruppiert, aufgestellt war. Überall standen oder saßen seltsam positionierte Gestalten wie ein lebendiges Wachsfiguren-Kabinett, ein wenig unheimlich anmutend. Sie kratzten oder äußerten sich irgendwie tonartig auf ihren Instrumenten. Anscheinend hatte das Konzert schon begonnen, wie ich aus flüsternden Bemerkungen anderer Teilnehmer entnahm. Ich raunte zu meiner Frau: „Guck´ mal, die sind ja barfüßig!“ Irgendwie toll, aber wo waren die schwarzen Lackschuhe eines Orchesters? Wir fanden unseren Platz, hinten und außen, ich würde später erst bemerken, dass überall die „besten Plätze“ waren, weil der Ort des Geschehens ständig wechselte oder auseinanderriss.

Zuerst fühlte ich mich mit der Inszenierung ziemlich unwohl und fing an sie zu verurteilen: „Affektiertes Theater, kein Musik-Genuss, narzißtisches Kratz-Kabarett“. Ich hätte gerne laut alles ausgelacht. Ich wünschte mir wohlgeordnete klassische Musik, tragende Gewohnheiten und vertraute Sicherheit. Vor nicht langer Zeit war gerade das bereichernde Weihnachtsoratorium von Bach in mir verklungen. Jetzt so etwas. Außerdem lenkten mich die visuellen Eindrücke ab. Das merkwürdige Gehampel herumgeisternder, obskurer Gestalten, die ihre Instrumente „mißbrauchten“, konnte ich zunächst nicht einordnen. So versuchte ich die Situation zu kontrollieren, ohne mich auf sie einzulassen.

Die Künstler-Seele in mir fing nach vielleicht einer Viertelstunde erst an, mir zu sagen, dass ich jetzt entweder einen Sprung über meinen Schatten machen müsse oder für 1,5 Stunden verloren war. Und ich sprang langsam ins Offene, ins Neue, wurde fast urteilsfreies Gefäß der Wahrnehmung und der dramatischen Sinneneindrücke, die mich bestürmten und Geschenke mitgebracht hatten, die ich annehmen wollte. So verwandelte sich geheimnisvoll der Raum, das Geschehen, die Geräusche, Töne, Bewegungen, Licht, Zeit, Atmosphäre und Akteure. Ein synergetischer Effekt der Sinne trat ein, ich war dann mitten im Geschehen und spielte mit. Ich rannte mit einer Geigerin herum. Wie ich dieses Rennen liebte! Wie oft war ich weggelaufen vor etwas. Oder ich kroch in die Gebärden zweier sich umschlingenden Musikantinnen, schlüpfte in die Körperkrümmungen und Körperlagen anderer, in das gespenstische Licht, dass alles in ein rembrandtsches Szenarium tauchte. Ich wachte in der pulsenden, sich zentrierenden oder peripheren Choreographie auf, tastete mich mit ihr in den realen Seelen-Raum. Wurde eine Geige emporgestreckt, ging ich mit empor in die Luft und hielt sie mit fest. Wurde sie beklopft, pochte es in mir wie ihr kleines Herz. Plötzlich stand ein Kontrabassist vor mir und brummelte vor sich hin, Nähe und Ferne gesellten sich zu mir. Ich wurde Klang, Geräusch, Stimme, Weg, Gestik oder Bewegung.

Der Abend wurde ernster, tiefer und inspirierte mich immer mehr, riß mich aus allen Gewohnheiten, an denen ich mich vorher noch festhalten wollte. Ich saß auch irgendwie mitten in einem unsichtbaren Leben, „hinter den Kulissen“ der sinnlichen Welt.

Einige Musiker kauerten dann auf der Bühne oder im Saal. In mir entstand ein Bild. Ich sah, wie eine klassische Orchester-Anordnung mit allen notwendigen Regeln sich auflöste. Alles, was bisher Konvention war, schmolz dahin wie Wachs, wurde echt, offen, formierte sich in ungeahnte Formen neu, barfuß, rennend, kratzend, spielend, gestikulierend, ohne Dirigent. Instrumente wurden „verkehrt“ herum gespielt oder malträtiert, das Orchester verflüchtigte sich und entstand geheimnisvoll verbunden neu. Es gab kein Falsch und Richtig mehr, kein „Verkehrtherum“. Die Instrumente wurden Wesen, die anscheinend mehr wollten und taten, als sie sonst „dienend“ tun mussten, sie schlüpften einfach aus ihrer zugewiesenen Rolle! Sie können sogar „erotische Partner“ werden, wie ich auf einem Photo des auf der Straße liegenden Orchesters später sah, dessen Instrumente auf den Musikerinnen liegen, umarmt werden, verschmelzen oder miteinander kämpfen. Einmal kreiselte ein Cello auf seinem Stachel schnell um seine eigene Achse, der Bogen hüpfte dazu und erwischte einige Töne, dazu schlichen sich andere Musiker spielend um das Cello herum.

Das Geschehen machte immer wieder einen „apokalyptischen Eindruck“ auf mich und passte bestens zur kritischen „Weltlage“ des vergangenen Jahres. Die Inszenierung war für mich insgesamt dramatisch mit epischen und lyrischen Elementen. Die Freiheit der gebundenen, strukturierten Improvisation begeisterte mich, ich fand alle Qualitäten wider: Lautstärke und Leisesein, Stille, Schwäche, Kraft, Leere, Fülle, Härte, Weichheit, Ruhe, Bewegung, Fluss und erstarrende, einfrierende Momentaufnahmen, Spannung und Entspannung, Rhythmus und A-Rhythmus, alle Raumdimensionen und etliche Formen, Wärme und Kälte, Dunkel und Helligkeit, Farben – und Seele wie Angst, Mut, Zorn, Streit, Sanfheit, Freude, Trauer, Schmerz, Leichte und Schwere, Lösung und Verfestigung und natürlich Liebevolles und Zärtlichkeit.

Außerdem geriet ich in meiner Phantasie wie in ein dunkles „Universum“, in dem ich fest und sicher schwebte. Ich schloß die Augen, lauschte, glaubte in tröstender Sphärenharmonie zu wandeln. Die Musikerinnen und Musiker waren zu sich musikalisch äußernden Wesen geworden, umkreisten mich und die anderen Konzertteilnehmer, irgendwie voller Schönheit. Nach dem Konzert erfuhr ich, dass gerade „Planeten“ gespielt wurden. Es war ein Zauber der zusammen gehörenden Stimmen näherer und fernerer Kommunikation in diesem großen Raum, in dem Nähe und Liebe existierte und sich „verkörperte“. Mich durchflutete eine Gänsehaut von oben bis unten wie eine Massage.

Noch eine berührende Szene, ich könnte noch lange schreiben. Eine sich drehende Geigerin tritt im Scheinwerferkegel auf, wirbelt ihre Geige wie ein Kind an Händen im Kreis herum und entlockt ihr Töne. Dann gebiert sie ihre eigene Stimme und ein unendlich berührendes Liedchen, um dessen Leben sie ringt.

Nicht zu vergessen, der mystisch anmutende, fast komplette Platzwechsel des gesamten Publikums. Fast alle erhoben sich geheimnisvoll und suchten sich als dunkle Silhouetten gespannt einen anderen Sitzplatz und eine neue Wahrnehmungsperspektive. Wie wenn sich eine Sternen-Kostellation geändert hätte, alles funkelte in einem neuen Licht.

Das war doch alles kein Konzert? Oder war es ein magisches Konzert-Tanztheater? Mehr noch? Kam wirklich das „Unsterbliche der Musik“ herbei und belebte uns? Tritonus oder Septimen, Atonalität und Minimalmusik, Geräusche und Bewegung oder Körperverzerrungen, auch Harmonisches, vereinten sie sich zu einem apokalyptisch wirkenden Konglomerat, das ein „hinter der Musik Wirkendes“ erfahren lassen konnte? Kam die „Pause“ zu uns? Die, wie ich gehört habe, die Musik ausmachen solle, die zwischen den Tönen lebe?

Das Gespräch nach dem Konzert war außerdem wohltuend. Ich habe in großer Dankbarkeit nur ein wenig aufgeschrieben, was ich an diesem inspirierenden und heilsamen Abend erfahren habe. Macht weiter so! Ihr habt etwas vollbracht, was sehr kostbar ist, Eure Zeit, Aufwand, Kraft und Liebe hingegeben und uns reich beschenkt.

Ich freue mich riesig auf Euer nächstes Konzert, mit herzlichen Grüßen

von Jyrgen May aus Ottersberg (jyrgenmay@live.de)



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